Die Suche nach einem Meister
Als Rabe in Meister Hases Nähe lebte, besuchte er ihn oft und sprach mit ihm über den Weg. Eines Tages fragte er: „Wie ich höre, blickte Buddha Shakyamuni von seinem Platz unter dem Bodhibaum auf, sah den Morgenstern und verkündete seine Erleuchtung. Mir scheint, in dieser Geschichte fehlt etwas. Was geschah, als er den Stern erblickte?“
Hase legte die Ohren zurück, schloss die Augen und sagte: „Er erkannte die Wahrheit des wechselseitig abhängigen Entstehens.“
„Nun«, dachte Rabe, „Meister Hase scheint sich im Buddhismus auszukennen, doch ich bin vielleicht kein Buddhist.“ So flog er davon und besuchte Meisterin Präriehund.
Als er sich ankündigte, steckte diese ihren Kopf aus dem Bau und blinzelte ins gleißende Sonnenlicht. Rabe erzählte ihr von seiner Begegnung mit Meister Hase und fragte: „Was ge-schah, als Buddha den Morgenstern erblickte?“
Meisterin Präriehund kroch aus ihrem Bau und setzte sich aufrecht hin. Sie legte die Vorderbeine vor der Brust übereinander und schnupperte einen Moment lang in Richtung des Horizontes. Dann sagte sie: „Er erkannte die grundlegende Wahrheit der Einheit.“
„Nun“, dachte Rabe, „Meisterin Präriehund scheint sich in Metaphysik auszukennen, doch ich bin vielleicht kein Metaphysiker.“ So flog er davon und besuchte Meister Elch.
Er fand ihn bei der Zedernfurt in einem Bach stehend, den er nach Wasserpflanzen abgraste. Rabe ließ sich auf einem Stein nieder und krächzte, um den Meister auf sich aufmerksam zu machen. Als Elch aufblickte, berichtete Rabe von seinen Begegnungen mit Meister Hase und Meisterin Präriehund und fragte: „Was geschah, als der Buddha den Morgenstern erblickte?“
Elch steckte seinen Kopf ins Wasser und tauchte kauend wie-der auf. „Ausgezeichnete Wasserpflanzen“, sagte er.
„Nun“, dachte Rabe, „das klingt schon natürlicher.“ Er saß noch eine Weile auf dem Stein, doch Elch sagte nichts mehr und graste weiter.“Na dann“, dachte Rabe,“vielleicht schaue ich hier noch mal vorbei, doch fürs Erste werde ich meine Pilgerreise fortsetzen.“ So flog er davon, um Meister Braunbär zu besuchen.
Rabe kündigte sich an und wartete vor der Höhle. Nach eini-ger Zeit kam Braunbär heraus, ließ sich auf seinen Hintertatzen nieder und schwieg. Rabe berichtete ihm von Meister Hases Antwort, Buddha Shakyamuni habe die Wahrheit des wechselseitig abhängigen Entstehens erkannt, erzählte, dass Meisterin Präriehund gesagt hatte, er habe die grundlegende Wahrheit der Einheit erkannt, und ließ auch Meister Elchs Bemerkung über die ausgezeichneten Wasserpflanzen nicht aus.
„Meister, was ist Eure Meinung“, fragte Rabe.
Braunbär ließ ein merkwürdiges Geräusch erklingen, von dem Rabe nicht sagen konnte, ob es ein Lachen oder ein Brummen war. Schließlich sagte er: „Es fehlt noch etwas“ Rabe wartete respektvoll, doch der Meister schwieg.
„Nun“, dachte er, „Meister Braunbär scheint etwas von der Sache zu verstehen. Vielleicht sollte ich eine Weile hierbleiben und mich unterweisen lassen.“
Robert Aitken, Zen-Meister Rabe. Fabelhafte Zengeschichten, Theseus 2003, S.11f